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Die seltsame Welt des King Lube III.

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15
Jun
2012

Liebesbrief 50

Schon als ich den angelehnten Briefumschlag an der Milchflasche auf dem Küchentisch sehe, weiß ich, was drinsteht: Du bist fort.


Ich setze meine Tasche vorsichtig ab und lasse mich auf den alten, klapprigen Holzstuhl fallen. Jetzt ist es also soweit. Alles was von dir bleibt: ein Abschiedsbrief. Ich greife nach der angebrochenen Flasche Wodka und fülle die Tasse mit dem Kaffeesatz bis zum Rand. Seltsamer Geschmack. Das ganze Leben schmeckt seltsam.

Larissa und ich lebten auf einer Wellenlänge. Es war eine unverwechselbare Verbundenheit, wie ich sie nur ganz selten, bei ganz besonderen Menschen empfunden hatte. Ich besuchte sie, kurz bevor ich nach Bolivien flog. Eines unserer Hilfsprojekte in der Nähe von Sucre war überfallen worden und die Betreuer verschleppt oder verschwunden. Ich musste Hals über Kopf mit meinem Kollegen Wolfgang dort hin, um zu retten, was noch zu retten war.

Bolivien war ein Albtraum. Von den körperlichen Strapazen abgesehen, gab es kaum einen Tag, der unseren Ekel und unsere Verzweiflung nicht noch hätte steigern können. Die Nerven lagen blank. Das Entsetzen über die Zustände unfassbar. Nur meine allabendlichen Ausflüge zu Larissa ins Internet waren ein wohltuendes Seelenbad. So verliebte ich mich in sie.

Am dem Tag, als ich zum ersten Mal in die leeren Augenhöhlen verwahrloster Kindern sah, denen man die Augen genommen hatte, um deren Hornhaut reichen Patienten zu verkaufen, versagte mein Körper. Die Schutzwälle brachen. Ich kotzte und zitterte am ganzen Leib. Zu viert zerrten sie an mir, schlugen mich, um mich zurückzuholen ­– in die Realität. Als ich mit schmerzenden Gliedern zusammengekauert in einer Ecke wimmerte, brachte mir Wolfgang das Telefon: „Es ist Larissa.“

Keine Kontrolle mehr über sich und seine Gefühle zu haben, ist ein seltsames Gefühl. Doch nun, beim zweiten Mal an diesem Tag, ließ ich es geschehen, denn ich war vollkommen überwältigt von ihrer Stimme und ihren Worten. Sie küssten mich, leckten meine Wunden, richteten mich auf und gaben mir unendliche Kraft weiterzumachen, zu helfen, wo ich nur konnte und diesen, dem Leben trotzenden, Kindern ein Stückchen Zukunft zu geben. In diesem Moment wurde mir klar, ich wollte den Rest meiner Zeit mit Larissa verbringen.

Wochen später kehrte ich nach Deutschland zurück und wir wurden ein Paar. Die ersten Monate verliefen wie im Traum. Wir hatten das volle Verliebtheits-Paket gebucht, inklusive Kerzen und Blumen, Händchen halten und endlosen Nächten in den Bettfedern, zahllosen Küssen und Bekundungen unserer Liebe, mit kleinen Überraschungen, versteckten Botschaften, den Anrufen, kaum sahen wir uns eine Stunde nicht, den tiefen Blicken, dem gemeinsamen Aufwachen, dem Versinken in unseren Gerüchen, dem immerwährenden Lächeln auf den Lippen und der Leuchtschrift auf der Stirn: „Yeah! I’m in love!“ Mein Gott, hatten wir Sex. Ich erröte, wenn ich daran denke. Wir waren unersättlich.

Für Larissa war es nicht einfach mit mir, denn Bolivien hatte viele Narben hinterlassen. Narben, die mir nicht immer zugänglich waren. Oft wachte ich mitten in der Nacht schweißgebadet auf, mit den lebhaften Visionen des durchlittenen Horrors. Und jedes Mal nahm mich Larissa in ihre Arme, küsste weich meine Lippen und flüsterte: „Schschscht.“ Es war, als würde mit diesem Laut die Last meiner Seele aus meinem Körper entweichen.

Wir verbrachten soviel Zeit miteinander, wie es nur ging, und ich genoss ihre Ruhe: Stunden, in denen wir auf dem Sofa lagen oder auf einer Wiese oder an einem Strand, irgendwohin starrten, unsere Hände hielten und nichts anderes spürten, als das Dasein des Anderen. Einfach nur existieren. Die Gewissheit zu haben: Du bist da. Schwebend, wie im Salzmeer auf dem Rücken liegend. Getragen sein vom Hier und Jetzt. Eine goldene Zeit. Und ich genoss ihre Hitze, wenn sie leidenschaftlich in einem Diskurs ihre Position vertrat, dass ich, sehr zu ihrem Ärger, manchmal lachen musste, weil sie debattierte, als ginge es um Leben und Tod.

Nach und nach, wurden meine traumatischen Anfälle seltener. Ich hatte eine Therapie begonnen und lernte, vielen Erinnerungen eine neue Bewertung zu verpassen. Wie mit Post-Its klebte ich ihnen etwas auf und riss sie samt Schrecken und Entsetzen und Hilflosigkeit wieder ab. In dem Maße, wie ich gesund wurde, verdüsterte sich Larissas Zustand. Sie war kaum wieder zu erkennen. Sie wurde immer zurückhaltender, jeden Tag desinteressierter und verlor ihre Leidenschaft, ihre Schlagfertigkeit, ihre Schlaksigkeit, ihre Ironie und ihren Zynismus, ihr Jonglieren mit der Sprache. Keine Sticheleien, keine verbalen Wettkämpfe mehr, keine versteckten Botschaften, keine kleinen Überraschungen. Sie zog sich zurück, wurde stumm.

Ich kam nicht an sie heran. Redete auf sie ein, spürte ihre Veränderung und suchte nach Erklärungen. Sie schwieg. Ich bat sie inständig mir zu sagen, was los sei. Ob ich etwas Falsches gesagt oder getan hätte. Ob ich sie gekränkt hätte. Ob es meine Schuld sei. Ob sie unglücklich sei. Ob sie mich nicht mehr liebte. Ich flehte sie an, mir eine Antwort zu geben. Doch sie schwieg. Dann sagte ich, ich hätte ein Recht auf eine Antwort, später schrie ich sie an und verlangte, sie solle sich erklären. Ich schüttelte sie und sie sah mich mit leeren Augen an. Augen, die mich nach Bolivien zurück versetzten. Ich stockte. Wir sahen uns lange regungslos an, dann stieß ich sie weg. Ich wälzte mich schlaflos in dieser Nacht hin und her. Dann sagte sie: „Ich habe Angst.“

Endlich brach sie ihr Schweigen: Sie hatte Angst. Vor Wochen hatte sie einen Knoten in der Brust gespürt und fürchtete sich vor einer endgültigen Diagnose. Ich schleppte sie zum Arzt und ihre böse Ahnung wurde zur Gewissheit: Krebs. Und noch schlimmer: der Tumor war bereits groß. Die Operation musste schnell erfolgen. Sofort. Radikal. Ich brauchte lange Zeit, um zu begreifen, dass sie die Krankheit selbst viel weniger ängstigte, als den Verlust einer Brust, als den Verlust ihrer Weiblichkeit, als den Verlust ihrer Identität als Frau. Davor hatte sie Angst. Nicht so sehr vor der tödlichen Krankheit, die in ihr lauerte. Sie hatte Panik, nicht mehr ansehnlich zu sein, sich nicht mehr als ganze Frau zu fühlen. Sie war stolz auf ihre Brüste, war stolz auf ihren Körper und der sollte nun zerstört werden.

Ich nahm meinen Jahresurlaub, um jede Minute für sie da zu sein, begleitete sie bis in den OP-Saal, hielt ihre Hand im Aufwachraum und war der erste, der ihre Tränen von den Wangen küsste, als sie die Augen öffnete. Von einem Wiederaufbau mit eigenem Fettgewebe, dem Rückenmuskel oder einem Implantat wollte sie nichts wissen. Der Chefarzt erklärte die Möglichkeiten. Er wollte wenigstens die Brustwarze „für alle Fälle“ auf den Bauch oder Oberschenkel verpflanzen. Larissa schüttelte nur den Kopf. Als ginge sie das alles nichts an, verkroch sie sich einfach in sich selbst und verschloss sich der Außenwelt.

Für uns begann eine schlimme Zeit mit Chemotherapie, nicht enden wollenden Bestrahlungen und zusätzlicher Medikation. Ich litt mit. Dann verlor sie ihre Haare und damit das letzte Stückchen Hoffnung und Selbstachtung. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ich begleitete sie überall hin, zu jedem Arztbesuch. Fuhr sie kreuz und quer, beschützte, pflegte und hielt sie beim Kotzen, brachte ihr Essen und Trinken, las ihr vor, legte ihr kalte Kompressen auf, wenn sie fieberte, brachte ihr Obst und Schokolade, wenn ihr danach war, legte ihre Lieblings-CD auf, wenn sie nicht einschlafen konnte, sprach ihr Mut zu.

Irgendwann war die „weltliche“ Tortur vorbei: Ihr Körper erholte sich erstaunlich schnell. Rasend. Von Tag zu Tag kam das Leben zurück, nur ihr Geist blieb im Nebel, verharrte dort und schien sich nicht mehr für das Heute zu interessieren. Nichts konnte sie aus der Reserve locken und ich ließ sie, ließ ihr Zeit, war da, wenn sie wollte und verschwand, wenn ich merke, ich war ihr zuviel. Immer in der Hoffnung, eines Tages würde sie zurückkehren, merken, dass sie noch lebte und zwar beschwerdefrei, dass es ihr körperlich gut ging und dass ich bei ihr war und ich sie nicht einen Deut weniger liebte, weil sie eine Brust verloren hatte. Ich wollte ihr Selbstvertrauen geben, sie nicht mit Mitleid einlullen. Sie war die Starke, die Toughe, die Selbstbewusste! Ich wusste, sie würde es schaffen, dem Tief zu entkommen. Nur wann? Verdammt, wann? Das war so ungerecht. Ich war meine Albträume los und sie war darin gefangen!

Vielleicht waren diese zwei Jahre einfach zu viel für uns, schließlich wollten wir doch eigentlich nur zur Ruhe kommen.

Gestern Abend passierte es. Ich liebe sie über alles. Sie ist der Mensch auf meiner Augenhöhe. Alles, was ich will. Doch sie war so weit weg von mir. Nichts blieb mehr von unseren hitzigen Diskussionen, nichts vom Streiten über Wittgenstein, Thomas Mann, Truffaut und Immendorf. Keine gemeinsamen Besuche mehr von Ausstellungen und Galerien, keine Konzerte, kein großes Kino und keine Nähe. Natürlich wollte ich ihr die Zeit lassen, ihr Körpergefühl wiederzufinden. Aber wie lange braucht man dazu? Ich hatte auch Sehnsüchte und Bedürfnisse. Natürlich konnte ich meine Wünsche zurückstellen und auf Larissa Rücksicht nehmen, aber wie lange? Ich fragte mich wie lange?

Und wie sie so stumm auf dem Sofa lag und an die Decke starrte, ich mich ans Kopfende kniete und langsam meine Hände durch ihre Haare, über ihr Gesicht gleiten ließ, wie sie regungslos da lag, fast versteinert, ein leichtes Beben auf den Lippen, ich mir vorkam wie ein Vergewaltiger, weil ich ihre Brust im Sinn hatte, weil ich ihren Nacken, ihre Schultern, ihren Bauch küssen wollte, weil ich selbst zu zittern begann, weil es eine Fremde war, die ich berührte, weil sie lautlos anfing zu weinen und meine Hände mutlos ihren Körper verließen, weil ich wütend und traurig wurde, weil wir beide uns stumm anschrien, entsetzt wie in Edvard Munchs Schrei, weil ich wusste, ich erreichte sie nicht mehr, weil sie ihr Herz für mich verschlossen hatte ... ging ich.

Ich kam erst am nächsten Morgen wieder.

Schon als ich den angelehnten Briefumschlag an der Milchflasche auf dem Küchentisch sah, wusste ich, was drinstand. Ich setzte meine Tasche vorsichtig ab und ließ mich auf den alten, klapprigen Holzstuhl fallen.

Jetzt war es also soweit. Alles was von dir bleibt: ein Abschiedsbrief.

Seltsamer Geschmack.

Die Wodkaflasche ist leer. So wie ich. Mein Geist vom Alkohol betäubt. Ich reiße deinen Brief auf, um mir endlich den Todesstoß zu versetzen:




Lieber Lutz

Du sagst, Du hast ein Recht auf eine Antwort. Vielleicht hast Du das. Wenn das der Preis für ein gemeinsames Leben ist, dann hast Du wohl das Recht. Ich habe diese Nacht lange auf Dich gewartet und dabei über uns nachgedacht. Ich weiß es und Du weißt es auch: So kann es nicht weitergehen, denn ich habe vergessen, wie unserer guten Zeiten waren. Ich erinnere mich nur an die harten, aber das will ich nicht.

Ich konnte Dir das nie sagen, aber Danke für Deine Zeit und dass Du warst. Und: Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid. Für Dich. Für mich. Für uns. Wirst Du mir verzeihen? Ich warte.

Larissa
Bluesilver - 16. Jun, 14:29

Das ist, wie ich fürchte, der beste post, den ich je gelesen habe. Und der vielleicht Schlimmste.

Er lässt mich mitleiden, und er öffnet auch Schranktüren - von Schränken, die ich nie wieder öffnen wollte.

Und während mir klar wird, dass der Inhalt nicht fiktiv sein kann, versagen mir die Finger an der Tastatur.

Eine Großtat, King.

lube - 17. Jun, 16:45

Ich bin immer etwas vorsichtig mit Superlativen, aber es bewegt mich, bei ihnen Türen geöffnet zu haben, auch gegen Ihren Willen. Dafür Danke und dass Sie mich daran teilhaben lassen.
Lilly (Gast) - 17. Jun, 17:20

Noch nie hat mich ein Posting mehr berührt, verwirrt, betroffen gemacht und nicht die richtigen Worte finden lassen, dies auszudrücken.

Ich ziehe den Hut und verneige mich...

Lilly

lube - 18. Jun, 14:11

Danke.
Finchen1976 - 18. Jun, 15:09

Kann mich nur anschließen.
Und musste Tränen unterdrücken, fesselt, nimmt mit, geht nah. Musste das erstmal sacken lassen.
Jeder Kommentar würde dem nicht gerecht werden, was Sie in Worte gefasst haben, Herr Lube.

lube - 18. Jun, 19:47

Danke.
Lethe (Gast) - 5. Jul, 14:57

*******************************

wandlerin - 16. Jul, 01:26

Auch mir

kamen die Tränen. Es tut mir Leid für Dich und Deine Liebe. Das Leben ist so ungerecht. :-(
Sie fragt, ob du ihr verzeihen wirst. Tue es, damit zeigst du deine Liebe.
Deine Liebe zu ihr bleibt ja trotzdem bestehen.
Die kann man ja nicht abstellen.

Ich wünsche dir die Stärke, die du nun brauchst, um die nächste Zeit zu überstehen...und ihr auch.

lube - 16. Jul, 10:58

Danke für deine Gedanken.
niels (Gast) - 2. Aug, 12:44

Beängstigend berührend.

Ich mag wie Du schreibst auch wenn es traurig ist

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Alle Geschichten von King Lube III. sind erstunken und erlogen, jedenfalls das Meiste oder das ein oder andere, also es gibt schon ein bisschen, das nicht ganz der Realität entspricht. Jedenfalls distanziert sich King Lube III. ausdrücklich von seinem Protagonisten und seinem fiesen Charakter. Mit so einem will er nichts zu tun haben. Mit der Bitte um Beachtung.

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