[In der 37. Folge vollbrachte ich die Glanztat, mir eine tödliche Spritze von Doktor Hulk, im wahrsten Sinne des Wortes, unter den Nagel zu reißen. Vor dem Behandlungszimmer, in dem ich, nicht artgerecht, auf einem Gynäkologenstuhl gefesselt lag, gab es ein Handgemenge. Zu meiner Verblüffung war Vladi der Überraschungsgast, der gleich noch einen toten Mann im Gepäck hatte. Vladi, nicht begeistert über unsere Zusammenkunft, schickte mich per Serum ins Reich der Träume – oder war ich gar tot?]
“Last Christmas I gave you my heart, but the very next day you gave it away...” – Den vergangenen Jahreswechsel verbrachten wir in den Alpen, besser gesagt in den Walliser Alpen, zwar nicht in Saas Fee und auch nicht mit Pepsi und Shirlie, aber immerhin in einem Chalet, dass dem von George Michael und Andrew Ridgeley sehr nahe kam. Es lag abgelegen und verschlafen an einem Hang, umgeben von, unter der Schneelast ächzenden, Tannen, richtiger gesagt von Fichten, der Gemeinen Fichte. Der Vermieter hatte uns mit Sack und Pack auf einer Schneeraupe hochgefahren. Mit der lapidaren Verabschiedung, viel Spaß und brecht euch nix, die nächste Abfahrt ist in sieben Tagen und das ist eine verdammt lange Zeit, um mit einem gebrochenen Bein durchzuhalten, ließ er uns plötzlich mutterseelenallein in der Wildnis der tief eingeschneiten, verlassenen Berge zurück.
Während die Mädels ob der Parallelen zur Fernsehnwelt nicht müde wurden den Wham!-Hit rauf und runter zu singen, realisierten wir Männer mit jeder Stunde, dass das Universum ohne Strom keinen Sinn mehr hatte und völlig irrational war. Die Gewissheit, jeder mitgebrachte Akku würde über kurz oder lang das Zeitliche segnen, ohne jede Hoffnung auf Wiederbelebung, machte einigen von uns schwer zu schaffen, allen voran, meinem Freund Daniel, der sich bei seinen ganzen Geheimnissen, mal als Duracell-Häschen entpuppen würde.
Neben der urgemütlichen Hütte und der malerischen Landschaft, wurden wir auch noch mit herrlichem Wetter belohnt: Wir hätten es nicht besser antreffen können: So weit das Auge reichte, war alles in einer dicken zauberhaften Puderzuckerschicht getaucht. Am wolkenlosen, tiefblauen Himmel zwinkerte uns die strahlende Sonne entgegen und ein laues Lüftchen sorgte für genügend Zirkulation, um in unseren Hightech-Skianzügen nicht zu Grunde zu gehen.
Am Silvesternachmittag stand ein ausgedehnter Spaziergang auf dem Programm und so verließen alle nach einem kleinen Mittagssnack unsere bescheidene Unterkunft, ausgestattet mit randvoll gefüllten Thermoskannen Lebensgeister-erweckenden Jagertees (Die Österreicher ließen sich beim EU-Beitritt den Tee namensrechtlich schützen. Politisch korrekt wäre demnach die Mitnahme von Hüttentee).
Alle gingen spazieren, bis auf Paula und ich. Ich wollte die Zeit meines potentiellen Leidens verkürzen, indem ich mich nicht vor die Türe wagte und wenn, erst in den letzten Tagen, damit ich mit einem möglicherweise gebrochenem Bein nicht solange ausharren musste. Paula argumentierte, dass sie ausreichend Zeit für Körperhygiene und Abendgarderobe benötigte und somit für die kommenden vier Stunden nicht abkömmlich sei, als wäre abends nicht noch genug Zeit gewesen.
Zugegeben, das Duschen war schon sehr speziell und mit risikoreichen und abenteuerlichen Komplikationen gesegnet: der gasbetriebene Durchlauferhitzer der Warmwasseraufbereitung streikte ab und an, bevorzugt mitten im Duschvorgang und verlangte nach Betätigung eines Entsperrschalters, eine Art Reset-Taster.
Nachdem man das System einmal verstanden hatte, war niemand mehr bereit, anderen bei der eigentlich recht simplen Rettung aus der Bredouille zu helfen. Das Problem war, dass sich besagter Schalter auf einem Zwischengeschoss befand und sich entweder die Nichtduscher aus den bequemen Wohnzimmersesseln schälen und die Treppenstufen hoch quälen mussten, oder die Duschenden, mutig nackig oder verschämt in ein Handtuch gehüllt, schnell durchs Haus flitzten, um den Schaum von Haut und Haaren und vor Wut vor dem Mund, mit warmen Wasser fort zu spülen.
Die Mehrheit wartete stoisch ab, bis Variante zwei eintrat und lauerte bereits mit eingeschalteten Handykameras und Fotoapparaten, um die Generation Youtube teilhaben zu lassen. Soviel zum Thema „ein Freund, ein guter Freund“.
Ich hatte gerade mein Buch aufgeschlagen, als mir die Gemüsekiste einfiel, die wir am Vorabend vor den fanatischen Fleisch-verachtenden Frauen (sie waren alle vegan, ausgenommen von Schuhen) versteckt hatten, um etwas deftiges, zünftiges, herzhaftes zur Vesper zu haben, um quasi nicht vom Fleisch zu fallen. Männer brauchen das.
Es wurde Zeit, das biologische Kroppzeug vor dem Kältetod zu retten, schließlich hing davon langfristig die Laune der weiblichen Lauchstangenlutscher ab.
Paula stand mittlerweile unter der Dusche und ließ das Wasser unüberhörbar plätschern. Vor der Badtür überlegte ich kurz, ob es angebracht sei, anzuklopfen. Ich entschied mich dagegen und wollte eintreten, aber Paula hatte abgeschlossen. Ich klopfte. Paula: "Ich dusche!" - "Ich weiß. Mach auf!" - "Bist du bescheuert?" - "Mach jetzt auf. Wir sind alleine."
Endlich öffnete Paula die Türe. Sie hatte sich mit einem Handtuch bedeckt (Ursprünglich schrieb ich versehentlich, sie hatte sich mit einem Handbuch bedeckt. Das machen selbstverständlich nur Männer. Wie dumm von mir.). Ich staunte immer wieder über die weibliche Fähigkeit, sich innerhalb von Nanosekunden mit irgendwas zu verhüllen, wenn es darauf ankam. Eine Fertigkeit, die sich diametral zum standardmäßigen Ankleiden für z.B. eine Abendveranstaltung verhielt. (Zitat Paula: „Macht was ihr wollt, aber ich bin für mindestens vier Stunden nicht abkömmlich.“)
"Was willst du?"
"Ich habe dir was mitgebracht.", flötete ich durch mein süffisantes Grinsen und zauberte hinter meinem Rücken einen Zucchino vor, was Paula mit ihrem bezaubernd missbilligenden Blick quittierte.
Der unsterbliche Da Vinci wäre sogar in den Olymp aufgestiegen, hätte er neben Mona Lisas unergründlichem Lächeln auch Paulas zeitlose Angewidertheit auf eine Leinwand gebannt. Ein Blick zum Verlieben. Ich packte ein Kondom aus, stülpte es über den Zucchino und drückte ihr das gute Stück in die Hand. "Unter der Dusche?", grummelte sie. "Ja", gab ich zurück.
Paula ließ die Hüllen fallen (auch eine weibliche Kunst, sich im Bedarfsfall innerhalb von Nanosekunden zu entkleiden. Selbst gestandene Männer brauchen eine Sekunde für einen zweiverschlüssigen und zweieinhalb Sekunden für einen dreiösigen Büstenhalter) und huschte zurück unter den tropfenden Duschkopf, ohne die Kabinentüre zuzuziehen.
Sie öffnete den Wasserhahn und das dampfende Nass bahnte sich seinen Weg über ihren makellosen Körper, über Kurven und Grübchen, Linien und Konturen. Sie schloss die Augen, blendete mich aus und begann sich zu streicheln. Ich setzte mich auf die Toilette und schaute ihr zu.
Die Hingabe, mit der sie den Zucchino einseifte, weckte in mir unerfüllte Begehrlichkeiten. Genau deshalb hatte ich Monate zuvor gezögert, als sie mich zu ihrem privaten Zurschausteller und Voyeur machte. Es war wie mit dem Esel, dem man eine Möhre vor die Nase hing und er in Hoffnung, sie jemals zu erreichen, in einen immerwährenden Trab verfiel, schlimmstenfalls bis in den Tod.
Ich stellte mir vor, ihr grünes Spielzeug wäre fest mit mir verwachsen und hätte ein gesünderes Aussehen. Ich versuchte es mit Fremdfühlen, Telehaptik oder sonst was, um mich in den Zucchino hineinzuversetzen, fühlte, wie er zwischen Paulas Brüsten die weichen Rundungen spürte, wie er auf der Seifenlauge fast kontaktlos über ihren flachen Bauch huschte, erlebte das feinen Kratzen Paulas Flaum am Venushügel und das leise Erschrecken, als er unverhofft in der Dunkelheit ihrer Schenkel verschwand.
Ich sah, wie es im Wechsel Tag und Nacht, Nacht und Tag wurde, ließ ihre Wärme auf mich wirken, die bald durch ihre Reibung zur Hitze wurde. Noch nie hatte ich diesen verklärten Blick in Paulas Antlitz gesehen. Ich musste unbedingt ein Fotoalbum der Blicke anlegen. Es gab so viele Menschen, mit so vielen einzigartigen Ausdrücken, dass das Sammeln eine lohnende Angelegenheit wäre.
Sie steigerte das Tempo und begann in sich hinein zu stöhnen. Wahnsinn. Und dann kam, was kommen musste: Ich hörte die quietschende Eingangstüre der Hütte gehen.
Paula nicht. Das laufende Wasser hatte sich wie ein schützender Helm über ihre Ohren gelegt. Ihre Augen geschlossen, eine Hand auf ihrer Brust, die andere dirigierte das Gemüse. Ich, kurz vor meinem imaginären Höhepunkt, den „Point of no return“ (wussten sie, dass PORN ein Annagramm der Abkürzung von Point Of No Return ist?) schon lange überschritten, unfähig, eine klare Entscheidung zu treffen: Paula und mich vor einem Skandal retten oder gemeinsam einen Abflug machen.
Paulas Lippen bebten, ihre Beine zitterten, nur noch wenige Sekunden trennten sie von der Erlösung, vom Erreichen der Glückseligkeit. Jemand hämmerte wie wild mit einem Vorschlaghammer auf den Alarmknopf in meinem Kopf. Wenn ich jetzt nicht abbrach, würde ein ungeheures Unglück geschehen. Zwischen dem zischenden Wasser, dem Schmatzen der gurkenähnlichen Frucht einer bestimmten Kürbisart, Paulas Röcheln, meinem Seufzen, drang das Knarzen der Treppendielen. Jemand stieg zu uns hinauf. Langsam begann ich, mich auszuzählen, bis zu meinem finalen Knock Out. Zehn, neun, „Ich kann alles erklären.“, würde wohl nicht helfen, acht, sieben, „Es sieht anders aus, als du denkst.“, wohl auch nicht, sechs, ja, Sex war gut, das mochte ich, das wollte ich, fünf, „Ach, lass doch mal Fünfe gerade sein“, vier, drei, „Alle guten Dinge...“ oder wie wäre es mit einem Dreier, drei, zwei, eins - m...
Es gab einen lauten Knall, Paula schrie und polterte aus der Duschkabine, ich riss meine Hand aus der Hose und knallte dabei gegen den Spülkasten. Paula hatte mich inzwischen in ihrem Fallen erreicht und riss uns gemeinsam vom Toilettensitz zum Boden, was Paula zu einem erneuten Schrei animierte.
Atemlos lagen wir auf den eiskalten Fliesen. Ich unten, die klitschnasse Paula auf mir, mit funkelnden Augen, die zu meinem Spontantod geführt hätten, würden wir uns in einer Fantasywelt befinden.
„Paula?“, rief jemand von der Treppe. Es war niemand anderes, als mein lieber Freund Daniel, Paulas Lebensabschnittsgefährte.
„Daniel?“, rief Paula zurück, rappelte sich dabei hoch und drückte mir absichtlich unsanft ihr Knie in meine Weichteile, die im Moment glücklicherweise größtenteils nicht so weich waren und somit eine Menge der auftretenden kinetischen Energie vor dem wirklichen Schmerz- und Empfindungszentrum absorbierten.
„Daniel? Die Sicherung ist raus. Kannst du bitte?“, brüllte Paula absichtlich in mein Ohr und mir war, als würde ihr Geschrei am anderen Ohr Megaphon-mäßig wieder austreten. Die Schritte auf der Treppe hielten ein.
„Ist gut mein Schatz. Alles klar bei dir?“
„Ja, hab mich nur erschrocken. Kaltes Wasser. Du weißt?“
„Okay. Bin gleich wieder weg. Wollte nur noch einen Schal holen.“
„Danke! Hab dich lieb!“, rief Paula, die inzwischen wieder auf den Beinen war und die Gelegenheit nutzte, noch einmal zuzutreten. Ich schluckte den Schmerz und entschädigte mich mit einem Blick... aber Paula war innerhalb von Mikrosekunden schon wieder verhüllt.
by King Lube III. © 2011
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